Wie kann Wissenschaftskommunikation glaubwürdiger, relevanter und selbstkritischer werden? Und was braucht es, damit aus Beteiligung tatsächlich Mitgestaltung wird? Auf der Wisskomm Connected 2026 in Berlin brachte city2science Erfahrungen aus der partizipativen Forschung ein und lud dazu ein, die Chancen und Grenzen von Citizen Science kritisch zu hinterfragen.

Am 21. und 22. Oktober 2026 kamen in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften Forschende, Wissenschaftskommunikator und Praxisakteure zur Wisskomm Connected zusammen. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Rolle Wissenschaftskommunikation in einer Gesellschaft übernehmen kann, die zunehmend von Polarisierung, Desinformation und technologischem Wandel geprägt ist.

Für city2science-Geschäftsführerin Dr. Annette Klinkert bot die Konferenz Gelegenheit, eigene Projekterfahrungen vorzustellen, mit interaktiven Formaten zu experimentieren und gemeinsam mit anderen über die Zukunft der Wissenschaftskommunikation nachzudenken.

Gemeinsam forschen, gemeinsam lernen: Das Würzburger Tandemprojekt

Wie gelingt Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Gesellschaft auf Augenhöhe? In ihrem Konferenzbeitrag stellte Annette Klinkert Erfahrungen aus dem WueLab-Tandemprojekt in Würzburg vor. Hier arbeiteten Wissenschaftler und Praxispartner gemeinsam an gesellschaftlichen Herausforderungen und entwickelten neue Perspektiven und Lösungsansätze.

Das Projekt zeigt, welches Potenzial in partizipativer Forschung steckt: Unterschiedliche Wissensbestände, Erfahrungen und Kompetenzen kommen zusammen. Statt fertige Forschungsergebnisse lediglich nach außen zu kommunizieren, werden Fragestellungen gemeinsam entwickelt, Perspektiven ausgetauscht und mögliche Lösungswege erprobt.

Dabei entstehen allerdings auch Herausforderungen: Wie finden Menschen mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen, Arbeitsweisen und Erwartungen eine gemeinsame Sprache? Wie lässt sich Zusammenarbeit so gestalten, dass tatsächlich Neues entsteht? Und welche Unterstützung brauchen solche Prozesse, damit sie über einzelne Begegnungen hinaus Wirkung entfalten?

Diese Fragen stehen auch im Mittelpunkt der Arbeit von city2science an der Schnittstelle von Wissenschaftskommunikation, Public Engagement und regionaler Innovationsentwicklung.

Citizen Science oder „Participation Theatre“? Ein gescheitertes Projekt als Lernexperiment

Was passiert, wenn sich Hunderte Menschen mit großem Engagement an einem Citizen-Science-Projekt beteiligen – am Ende aber feststellen, dass ihre Arbeit kaum etwas verändert hat?

Mit dieser Ausgangsfrage lud Annette Klinkert in ihrem interaktiven Workshop „Citizen Science oder Participation Theatre? Autopsie eines gescheiterten Projekts“ zu einem ungewöhnlichen Perspektivwechsel ein.

Im Mittelpunkt stand CleanAIRCity, ein fiktives Citizen-Science-Projekt zur Luftqualität in einer Stadt. Forschende, Schulen, zivilgesellschaftliche Organisationen, ein Makerspace und rund 500 Bürger hatten gemeinsam Sensoren gebaut, Daten gesammelt und sich über Monate für bessere Luft engagiert. Doch die erhofften Veränderungen blieben aus. Technische Probleme, unterschiedliche Erwartungen und ungeklärte Verantwortlichkeiten verhinderten, dass aus den erhobenen Daten politische Entscheidungen wurden.

In einem Stakeholder-Rollenspiel schlüpften die Teilnehmenden in die Rollen der verschiedenen Projektbeteiligten – von der Wissenschaftlerin über die Lehrkraft und den jungen Klimaaktivisten bis zur kommunalen Verkehrsbehörde. Gemeinsam untersuchten sie, an welchen Stellen Erwartungen, Verantwortlichkeiten und tatsächliche Entscheidungsmöglichkeiten auseinandergefallen waren.

Die Diskussion machte deutlich: Beteiligung bedeutet nicht automatisch Mitgestaltung. Wer Menschen einlädt, Zeit, Wissen und Engagement einzubringen, übernimmt auch Verantwortung für ihre Erwartungen. Fehlen transparente Ziele, echte Einflussmöglichkeiten und nachvollziehbare Wege zur Umsetzung, kann aus gut gemeinter Partizipation schnell eine bloße Inszenierung von Beteiligung werden.

Zum Abschluss ging es deshalb nicht nur um die Ursachen des Scheiterns, sondern um die Frage, wie ein CleanAIRCity 2.0 aussehen müsste, um eine glaubwürdige und wirksame Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Stadt und Zivilgesellschaft zu ermöglichen.

Vertrauen ist kein Kommunikationsziel – sondern muss verdient werden

Neben den eigenen Beiträgen bot die Konferenz zahlreiche Denkanstöße zur gesellschaftlichen Verantwortung der Wissenschaftskommunikation.

Künstliche Intelligenz verändert unser Verständnis menschlicher Kompetenzen und Kreativität. Desinformation und politische Polarisierung erschweren den öffentlichen Diskurs. Gleichzeitig wachsen die Erwartungen an Wissenschaftskommunikation: Sie soll Vertrauen schaffen, gesellschaftliche Wirkung nachweisen und wissenschaftliche Institutionen gegen Angriffe verteidigen.

Doch ist Vertrauen überhaupt das richtige Ziel?

Mehrere Konferenzbeiträge regten dazu an, die Perspektive umzukehren: Nicht die Herstellung von Vertrauen sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die Frage, wie Wissenschaft und ihre Institutionen vertrauenswürdig handeln können.

Matthias Mayer warnte vor überzogenen institutionellen Versprechen und plädierte für mehr Transparenz im Umgang mit wissenschaftlichen Methoden, Unsicherheiten und Kontroversen. Die Philosophin Romy Jaster zeigte, wie Desinformation die Grundlagen einer verlässlichen Orientierung in der Welt untergräbt.

Annette Leßmöllmann und Clemens Tangerding wiederum lenkten den Blick auf unsere eigenen Denkmuster: Wie stark prägen unausgesprochene Annahmen und der Wunsch nach Übereinstimmung innerhalb der eigenen Community unser Handeln? Und wie können gemeinsame Erfahrungen über gesellschaftliche Unterschiede hinweg Verständigung ermöglichen?

Für die Wissenschaftskommunikation ergibt sich daraus eine unbequeme Frage: Wie häufig hinterfragen wir eigentlich die institutionellen Narrative, die wir selbst mitgestalten und verbreiten?

Wissenschaftskommunikation als Arbeit in zwei Richtungen

Ein besonders anregender Gedanke der Konferenz war das Bild von Wissenschaftskommunikator als „Doppelagent“.

Ihre Aufgabe sollte nicht allein darin bestehen, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Gesellschaft zu vermitteln. Ebenso wichtig ist es, gesellschaftliche Perspektiven, Fragen und Erfahrungen in wissenschaftliche Institutionen zurückzutragen – und dort auch unbequeme Diskussionen anzustoßen.

Das erfordert mehr als gute Kommunikationsstrategien. Es braucht die Bereitschaft zur Selbstreflexion, ein Verständnis institutioneller Dynamiken und den Mut, etablierte Routinen zu hinterfragen.

Damit rückt auch der Begriff der Relevanz stärker in den Mittelpunkt. Wer entscheidet eigentlich, welche wissenschaftlichen Fragen wichtig sind? Für wen ist Forschung relevant? Und wie lässt sich Relevanz gemeinsam erkunden, ohne Wissenschaft auf kurzfristigen Nutzen zu reduzieren oder den Eigenwert der Grundlagenforschung aus dem Blick zu verlieren?

Für city2science sind dies zentrale Fragen auf dem Weg von einer vorwiegend senderorientierten Wissenschaftskommunikation hin zu dialogischen Formaten, Public Engagement und gemeinsamer Innovationsentwicklung.

Von guten Absichten zu institutioneller Veränderung

Viele der auf der Wisskomm Connected diskutierten Ideen sind keineswegs neu. Dialog, Partizipation, gegenseitiges Lernen und kritische Selbstreflexion gehören seit Jahrzehnten zum Fachdiskurs. Schwieriger ist es, diese Prinzipien konsequent in den wissenschaftlichen Institutionen zu verankern.

Noch immer dominieren häufig Erwartungen an Sichtbarkeit, Reputation und messbaren Impact. Gleichzeitig fehlen der Wissenschaftskommunikation vielerorts die Ressourcen, die institutionelle Anerkennung und die Gestaltungsspielräume, um tatsächlich zu einer Öffnung und Veränderung der Wissenschaft beizutragen.

Die Erfahrungen aus dem Würzburger Tandemprojekt und dem fiktiven Fallbeispiel CleanAIRCity beleuchteten dabei zwei Seiten derselben Herausforderung: Räume für Zusammenarbeit zu schaffen ist ein wichtiger Anfang. Damit daraus wirkliche Mitgestaltung entstehen kann, braucht es aber auch geeignete Strukturen, geteilte Verantwortung und die Bereitschaft, bestehende Arbeitsweisen zu verändern.

Die Wisskomm Connected hat damit eine Frage aufgeworfen, die weit über die Wissenschaftskommunikation hinausreicht: Wollen wir Wissenschaft lediglich besser erklären – oder sind wir auch bereit, das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft gemeinsam neu zu gestalten?

Weitere Informationen: Wisskomm Connected